Achtsamkeit am Arbeitsplatz – ein Fallbeispiel

18.04.2018

Arbeitnehmer*innen sind in der heutigen Zeit einer stetig zunehmenden Anzahl an Herausforderungen und komplexen Erwartungen ausgesetzt. Einerseits sollen sie möglichst effizient und ergebnisorientiert arbeiten. Andererseits sollen sie in ihren Denkstrukturen und Lösungsansätzen weitestgehend flexibel und an neue Situationen anpassungsfähig bleiben. Die zunehmende Digitalisierung bringt eine ständige Erreichbarkeit und damit das Verschwimmen der Grenze zwischen Berufs- und Privatleben mit sich. Veränderte gesellschaftliche Strukturen zwingen die meisten Arbeitnehmer*innen in eine Rolle der doppelten Verantwortung und Belastung: Neben dem Einkommenserwerb müssen sie Kinder großziehen und/oder Angehörige pflegen und versorgen.

Stress, Frust, Sorge, Wut und Niedergeschlagenheit sind Gefühle, die häufig in Verbindung mit dem Berufsalltag einhergehen.

Die Zahl der Krankenstände wegen Burnout und Depression nimmt stetig zu. Dies betrifft Mitarbeiter*innen wie auch Führungskräfte.

In diesem Rahmen möchte ich die Fragestellung erörtern, inwiefern Achtsamkeitstraining helfen kann,

  • den Erschöpfungserscheinungen am Arbeitsplatz vorzubeugen
  • oder deren Ausprägung und den damit verbundenen Leidensdruck zu mildern.

Dies möchte ich im Anschluss mit einem Beispiel aus meiner Praxis belegen.

Geistige Klarheit versus Fegefeuer der Emotionen

Allgemeines Ziel des Achtsamkeitstrainings ist es,

  • Stresserscheinungen durch Beobachten und Steuern der Emotionen zu mindern sowie
  • Erschöpfungszustände rechtzeitig wahrzunehmen und zum Beispiel durch Entlastung und Verantwortungsabgabe darauf zu reagieren.

Befindet sich der Geist in einem entspannten, in sich ruhenden Zustand, kann seine Aufmerksamkeitsspanne und Konzentrationsfähigkeit erhöht werden. Der Mensch kann in seiner Entscheidungsfindung rationaler und organisierter denken und handeln.

Dank geistiger Klarheit können wir auch eigene schwierige Gefühle am Arbeitsplatz wahrnehmen und strukturiert damit umzugehen lernen. Wir können nach konstruktiven Lösungsansätzen für Probleme suchen, die sonst dem Fegefeuer der Emotionen zum Opfer fallen würden.

Achtsamkeitstraining kann helfen, unbewusste Reiz-Reaktions-Muster zu erkennen und deren negative Auswirkungen aufzulösen oder abzumildern.Unsere Souveränität wird gestärkt, wenn wir uns in unserem Reden und Handeln unseres Tuns und unserer Auswirkungen bewusst sind – und nicht zu Marionetten unserer Emotionen werden. Damit kann Konflikten im Team vorgebeugt werden. Ein harmonisches Team führt zu mehr Wohlbefinden am Arbeitsplatz und höherer Leistungsfähigkeit jedes einzelnen.

Mit Achtsamkeitsübungen können die Bereiche des Gehirns trainiert werden, die dafür zuständig sind, dass wir uns glücklich fühlen. Dies führt zu einer Steigerung des Wohlbefindens und der Lebensqualität. Davon profitieren nicht nur die Arbeitnehmer*innen, sondern das gesamte Team und damit das Unternehmen.

Fazit: Der Arbeitsplatz hält eine Menge Stressfaktoren für uns bereit – diese Tatsache können wir nicht verändern. Doch können wir durch regelmäßige Achtsamkeitsübungen den beruflichen Herausforderungen mit mehr Gelassenheit begegnen. Und damit unsere eigene Gesundheit schützen, unsere Arbeitsqualität verbessern und eine höhere Lebenszufriedenheit erreichen.

Fallbeispiel

Frau C. leitet seit vier Jahren eine internistische Intensivstation. Sie ist eine erfahrene Leitungskraft, die schon zuvor in einer anderen Stadt eine Intensivstation geführt hat. Vor viereinhalb Jahren ist sie, aufgrund einer Jobveränderung des Ehemannes, mit ihrer Familie nach Berlin gezogen. Ein halbes Jahr später hat sie sich für die neue Stelle entschieden.

Doch von Anfang an hat sie die Leitungsaufgabe als schwierig und belastend erlebt.

Es gab in einem kurzen Zeitraum, bevor Frau C. die Position annahm, schon zwei Leitungswechsel. Die Stimmung auf der Station war schlecht. Das Team fühlte sich von der Pflegedirektion nicht unterstützt und alleingelassen und vom ärztlichen Team weder wertgeschätzt noch ernst genommen. Zudem haben sich die Aufgaben auf Station in den letzten Jahren zunehmend verdichtet.

Auf einen engagierten Start folgten bald Ernüchterung und  Kontrollverlust

Frau C. startete voller Elan in ihren neuen Aufgabenbereich. Mit der Zeit wurde es für sie jedoch immer schwieriger, mit den vorhandenen negativen Stimmungen klarzukommen. Als lösungsorientierte Pragmatikerin forderte sie die Mitarbeiter*nnen immer wieder zu einer positiven Einstellung auf und dazu, nicht „so viel zu jammern“.

Aufgrund des allgemeinen Pflegenotstandes hatte die Klinik zunehmend Probleme damit, neues Personal zu rekrutieren. Die Belegschaft warf Frau C. vor, dass sie sich persönlich nicht genug dafür einsetzen würde, neue Mitarbeiter*innen zu finden. Der Krankenstand im Team war außergewöhnlich hoch, was zusätzlich zu Konflikten mit der Pflegedirektion führte.

Frau C. fühlte sich von allen Seiten angegriffen und wurde immer reizbarer. Nachdem ihr  wiederholt die Kontrolle entglitten ist und sie Mitarbeiter*nnen angeschrien hat, suchte sie sich ein Coaching, um mit der Situation besser zurechtzukommen.

Mit Hilfe der Beraterin erkannte Frau C., dass sie zunächst selber wieder in einen besseren emotionalen und psychischen Zustand kommen muss und sich erst danach der entgleisenden Situation auf Station widmen kann. Für die Pflege der eigenen mentalen Bedürfnisse empfahl die Beraterin Frau C. den Besuch eines MBSR-Kurses.

Frau C. ließ sich drei Wochen krankschreiben und meldete sich bei mir zum Kurs für Achtsamkeitstraining an. Sie hatte anfangs große Mühe, das regelmäßige Meditieren in ihren Alltag einzubauen. Doch durch das Erlebnis, wie gut ihr die Meditationspraxis tut, fiel ihr die Umstrukturierung ihres Alltags leichter. Nach fünf Wochen stellte Frau C. eine beginnende Besserung ihres mentalen Zustands fest.

Die Achtsamkeitsübungen halfen Frau C., sich besser in die Situation ihrer Mitarbeiter*innen versetzen zu können

Die Situation auf Station blieb weiterhin schwierig, aber Frau C. entwickelte neue Strategien, mit den bestehenden Herausforderungen umzugehen. Die wichtigste Veränderung für sie war, dass sie anfing, ihren Mitarbeiter*innen achtsam zuzuhören und mitfühlend auf deren Schwierigkeiten und Nöte einzugehen. Auch wenn sie an deren Situation nicht viel ändern konnte, war dies trotzdem ein wichtiger Schritt. Die Mitarbeiter*innen fühlten sich plötzlich gehört und kamen dadurch aus dem „Jammermodus“ heraus. Sie mussten nicht weiterhin wiederholen, wie schrecklich alles ist.

Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und der Pflegenotstand sind schwierige äußere Umstände. Frau C. erkannte jedoch, dass die Kultur, sich gegenseitig Schuldzuweisungen zuzuschieben, nicht konstruktiv ist und die Situation zusätzlich erschwert.

In den Schichtwechseln führte Frau C. ein, dass bevor über die Patienti*nnen gesprochen wurde, alle Mitarbeiter*innen sagen konnten, wie es ihnen geht. Wenn sich Frau C. über ein Verhalten von Mitarbeiter*innen ärgerte, gewöhnte sie sich an, zunächst in ihr Büro zu gehen, eine Übung aus dem Achtsamkeitstraining (3-Minuten-Atempause) zu machen und dann ruhig und klar mit der betreffenden Person zu reden.

Vermehrtes Engagement auch um das mentale Wohl der Mitarbeiter*innen und das allgemeine Klima im Team

Frau C. konnte im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements ihren Mitarbeiter*innen die Möglichkeit anbieten, einen Achtsamkeitskurs zu absolvieren.  Circa ein Drittel der Mitarbeiter*innen nahm dieses Angebot an.

Im Coaching hat Frau C. weitere strategische Veränderungen erarbeitet: Während ihrer Abwesenheit stellte sie fest, dass ihr Stellvertreter die Situation sehr gut abgefangen hat und sie selbst grundsätzlich viel mehr Aufgaben an ihn übertragen kann. So konnte sie mit ihrem Stellvertreter mehr als Führungsteam agieren und sich dadurch selber von Aufgaben entlasten. Beide haben sich die Zeit und den Raum genommen, eine gemeinsame Führungshaltung zu entwickeln, die den Grundsätzen der achtsamen Führung entsprechen.

Die Personalsituation entspannte sich, weil zwei Mitarbeiter befreundete Kollegen angeworben haben. Durch das achtsame und freundliche Arbeitsklima verringerte sich der Krankenstand.

Für Frau C. war die wichtigste Erfahrung in diesem Prozess, dass kleine Veränderungen, wie zum Beispiel zuzuhören und die Probleme anderer anzuerkennen, eine große Wirkung haben können.