Verantwortung ohne Macht

15.10.2015

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Verantwortung ohne Macht

Ein für viele Menschen sehr belastendes Thema ist es, sich für Dinge verantwortlich zu fühlen, die sie selber nicht verändern können. In meinen Coaching-Prozessen erlebe ich dieses Phänomen immer wieder als zentralen Verursachungsfaktor für Stress und daraus resultierende Erschöpfung. Ich stelle Ihnen zunächst 3 Fälle aus meiner Praxis vor, um dann Vorschläge zum Umgang mit diesem Thema zu geben.

Praxisbeispiele zum Thema Verantwortung ohne Macht

Herr G. ist Führungskraft in der Produktentwicklung eines Unternehmens, das sich mit Online-Werbung befasst. Im Verlauf des letzten Jahres musste er zunehmend Entscheidungen an seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weitergeben, von denen er nicht überzeugt ist.
Vor einem Jahr ist die Firma an einen Konzern verkauft worden. Im Zuge dessen haben sich Führungskultur und Unternehmenswerte komplett gewandelt. Der Vorgesetzte von Herrn G. verlangt jetzt immer wieder, Entscheidungen umzusetzen, die die Rendite des Unternehmens steigern. Diese Entscheidungen sind aber häufig zum Nachteil für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, für deren Wohlergehen sich Herr G. sehr verantwortlich fühlt.
Herr G. leidet nun zunehmend an der Situation und sieht für sich wenig Verbesserungsspielraum. Einerseits hat er den Anspruch, die Strategie und die Entscheidungen der Unternehmensleitung umzusetzen, andererseits fühlt er sich sehr verantwortlich für seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Durch dieses Dilemma fühlt sich Herr G. zunehmend ausgebrannt.

Frau C. leitet eine Einrichtung für obdachlose Frauen, diese Arbeit ist für Sie eine Herzensangelegenheit. In den letzten Jahren gibt es unter den obdachlosen Frauen immer mehr Frauen mit psychischen Erkrankungen., Da solche Frauen häufig nicht in der Lage sind die Gruppenregeln einzuhalten, kann Frau C. diese Frauen eigentlich nicht in Ihre Einrichtung aufnehmen und muss sie wieder wegschicken. Es gibt aber keine alternativen Einrichtungen für dieses Klientel. So ist Frau C. immer wieder vor die Entscheidung gestellt, diese Frauen aufzunehmen, mit den eklatanten Folgen für alle Bewohnerinnen. Alternative ist, diese Frauen wieder auf die Straße zu schicken. Frau C. steht nun vor diesem unlösbaren Dilemma, als Einzelperson mit ihrer Entscheidung eine Situation bewältigen zu müssen, welche die Gesellschaft als Ganzes bzw. die Politik verursacht hat. Frau C. leidet zunehmend an der Situation, sie ist verzweifelt und erschöpft.
Frau P. arbeitet in der Personalabteilung eines Unternehmens. Sie ist 55 Jahre alt und hatte 15 Jahre einen Aufgabenbereich, in dem sie verantwortungsvoll und effizient gearbeitet hat.
Seit 8 Monaten ist sie in einer neuen Abteilung, weil ihre alte Abteilung im Zuge einer Umstrukturierungsmaßnahme aufgelöst wurde. In dieser neuen Abteilung herrschen andere Regeln und ein anderes Arbeitsklima. Frau P. ist mit neuen, anspruchsvollen Aufgaben überhäuft worden. Sie kann ihre Arbeit nicht mehr bewältigen. Ihre neue Führungskraft ist 20 Jahre jünger. Sie nutzt andere Kommunikations-Formen und legt immer neue Zielvorgaben fest. Bei Nichterreichung der Ziele führt sie äußerst unangenehme Mitarbeitergespräche, in denen sie die Schuld bei den einzelnen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sucht. Frau P. versucht immer noch, ihre Aufgaben mit dem gleichen Verantwortungsgefühl und der gleichen Sorgfalt wie früher zu bearbeiten. Wegen der Arbeitsmenge ist dies aber nicht mehr zu leisten. Frau P. ist verzweifelt, hat Schlafstörungen und sieht keine Lösungsmöglichkeiten für sich.
Was ist Worin liegt nun die Gemeinsamkeit dieser drei Fälle? Alle drei Personen sind verantwortungsvolle, loyale und zuverlässige Menschen, die ihren Job gut machen wollen. Die Probleme, die sie in ihren Aufgabenbereichen erleben, sind jedoch nicht durch persönliche Anstrengung zu lösen und sei diese noch so groß. Diese drei Personen haben alle das Dilemma von hohem Verantwortungsgefühl und wenig Macht.

Drei Erste-Hilfe-Maßnahmen für solche Probleme:

1. Machen Sie sich klar, dass Sie sich in einem Dilemma befinden, dass von Ihnen weder verursacht ist, noch gelöst werden kann. Dies kann oft schon entlasten und zur Veränderung einer inneren Haltung führen. Zu Dingen, die wir nicht verändern können, können wir unsere Einstellung verändern. Das verbessert die Situation.

2. Schreiben Sie sich genau auf, welche Probleme von Ihnen verändert werden können und welche nicht. Versuchen Sie innerlich die Verantwortung für Themen loszulassen, die Sie nicht beeinflussen können. Versuchen Sie so viel Verantwortung wie möglich an ihre/n Vorgesetzten zurück zu geben. Frau P. beispielsweise hat alle ihre Aufgaben mit der benötigten Zeit aufgeschrieben und diese ins Verhältnis zu ihrer Arbeitszeit gesetzt. Sie hat dann die Vorgesetzte um eine Priorisierung gebeten. Zusammen mit einer Überlastungsanzeige war dieses Vorgehen erfolgreich.
3. Suchen Sie sich Unterstützung: Gespräche mit Freunden und Freundinnen, Austausch mit Kolleginnen und Kollegen oder ein Coaching können helfen Abstand zu der Situation zu bekommen.

Antwort zu “Verantwortung ohne Macht”:

Die Suche nach Rollenvorbildern kann aber auch ein bisschen weit gehen, besonders dann, wenn diese dann zum eigenen Maßstab gemacht werden und aus dem Blick gerät, dass es sich meist um Ideale handelt und man nur einen Teil der Geschichte kennt.

Insofern ist es viel aufregender, nach innen zu hören, danach, was ich will, was mich befriedigt, was ich für sinnvoll halte. – Nicht im Sinne der Selbstoptimierung, eher der Selbsterforschung.

Und wer entscheidet, was „richtig machen“ bedeutet?

Das können ziemlich machtvolle Fragen sein. Vielleicht ist das zu idealistisch. Aber für mich liegt daran der Witz im Gestaltansatz: Es geht nicht um Anpassung an geselllschaftliche Verhältnisse, sondern um Individualität.