Reflexion ist kein Luxus

10.01.2018

Das Jahr ist noch frisch und viele von uns sind mit Plänen, Neujahrsvorsätzen und dem Neustart in den Alltag beschäftigt. Ich möchte Sie in diesem Blogbeitrag einladen, noch einmal einen kurzen Moment inne zu halten und sich mit einem Thema zu befassen welches eher die vergangene Zeit im Fokus hat – die Reflexion.

Die Verdichtung von Arbeit in fast allen Bereichen nimmt zu. Überschneidung von Kindererziehung, Berufstätigkeit und unter Umständen noch die Versorgung eigener Eltern hat zur Folge, dass viele Menschen die wachsenden Aufgaben erledigen, ohne sich die Zeit zu nehmen zu reflektieren und inne zu halten. Der bedingungslose Glaube an die Effizienz hat die Zwischenräume in unserem Leben eliminiert. Zunehmende Digitalisierung der Arbeit verstärkt diese Tendenz. Der Trend geht dahin verschiedene Dinge gleichzeitig zu machen: e-mails anzuschauen, während wir eigentlich konzentriert einen Text schreiben möchten; social media Kanäle zu bedienen, während wir eigentlich für die Kinder da sein wollen; oder in den Ferien doch noch schnell eine Telefonkonferenz einzubauen. Flexible Arbeitszeitmodelle, die gerade noch wie ein Segen erschienen, werden zum Fluch der dauernden Erreichbarkeit – wenn wir diese Flexibilität nicht vernünftig steuern. Den guten, alten Feierabend, der dafür gesorgt hat, dass das Thema Arbeit bis zum nächsten Tag oder gar bis nach dem Wochenende ruht, gibt es immer weniger. Es fallen zunehmend Zeiten weg in denen die Menschen nicht mit Arbeit beschäftigt sind. Dies führt dazu, dass wir uns nicht mehr ausreichend erholen und dass Arbeitsinhalte oberflächlicher werden.

Neben der für den menschlichen Organismus notwendigen Erholung finden in den Zeiten in denen wir nicht arbeiten unverzichtbare Prozesse statt: 1. die bewusste Reflexion des Getanen und 2. das Loslassen bzw. sich setzen lassen des Erlebten. Wir benötigen für die Qualität von Wissensarbeit beides: das bewusste, aktive Reflektieren und das Loslassen. Wenn die Zeiten für diese Prozesse nicht mehr da sind, schlägt sich dies auf Qualität und Gesundheit nieder.

Bewusste Reflexion benötigen wir um zu lernen, um Fehler nicht zu wiederholen, um Sinn und Unsinn unseres Handelns zu überdenken und um Themen in der Tiefe zu greifen. Wenn wir das nicht tun geben wir Steuerungsmöglichkeiten auf und reagieren nur noch auf Reize: den Anruf der reinkommt, die e-mails die auflaufen oder die To-do-Liste die abzuarbeiten ist. Wir werden zu einer Erledigungsmaschine. Getan wird nur noch was dringend getan werden muss und was sofort sichtbar ist.

Den Prozess des Loslassens benötigen wir um zu „verdauen“: um unser Unbewusstes Ideen produzieren zu lassen und um all das was wir erleben auch verarbeiten zu können. Wenn wir keine Zeiten von Ruhe und „Nichtstun“ haben sind wir nicht kreativ. Kreativität lässt sich nicht willentlich herbei führen. Kreativität heißt erschaffen und geschehen lassen. Sie stellt sich erst ein, wenn der Geist entspannt ist und die Phantasie umherschweifen kann. Wenn dafür keine Zeit mehr ist produziert der gestresste Geist immer die gleichen Gedanken.

Wenn es keine Arbeitspausen mehr gibt, ist das vergleichbar mit einem fehlenden Verdauungsprozess. Als würden wir immer wieder etwas neues essen bevor das alte verdaut ist. Auf diese Weise wird der Körper nicht genährt sondern überfordert.

Auswirkungen fehlender Reflexion

Wenn beiden Prozesse – der des bewussten Reflektierens und der des Loslassens – wegfallen, hat dies vielfältige Auswirkungen:

• Kreativität lässt nach

• Die Qualität der Arbeit vermindert sich und damit oft auch die Befriedigung an der Arbeit.

• Fehler werden wiederholt

• Wir erleben uns nicht als Gestalter*innen des Arbeitsprozesses, sondern als Getriebene

• Genussvolle Dinge können uns nicht nähren, weil immer gleich etwas Neues kommt.

Regeln

Da wir die fortschreitende Digitalisierung nicht zurückdrehen und die Verdichtung der Arbeit – wegen Überschneidung von Berufstätigkeit, Kindererziehung und Angehörigenpflege – nicht so schnell werden verändern können, müssen wir Regeln und Formen finden mit oben genannter Problematik umzugehen.

Zeit für Reflexion und Loslassen können wir wieder zurückerobern indem wir:

• Zeiten für konzentriertes Arbeiten ohne Ablenkung schaffen.

• Räume digitaler Abstinenz einrichten.

• Selber entscheiden, anstatt uns steuern lassen z.B. in den Fragen wann möchte ich meine e-mails checken, wann und wieviele social media Kanäle möchte ich nutzen und wieviel möchte ich insgesamt arbeiten.

• Zeiten für bewusste Reflexion vorhalten.

• Wir auch mal nichts tun.

• Wir präsent sind, bei allem was wir tun: arbeiten, essen, lieben, spielen – aber eins nach dem anderen und ganz bei der Sache.

In diesem Sinne wünsche ich ein frohes, achtsames Neues Jahr mit vielen Zeiten des „Nichts tun“!

Ausblick 2018

In diesem Jahr wird eine Reihe von Blogbeiträgen zum Thema Achtsamkeit am Arbeitsplatz folgen.